#PietSmiet und die #Sendelizenz

… ein traumhaftes Onlinemärchen …

 

Da streamen ein paar engagierte junge Herren, verdienen damit ihr Geld, zusätzlich zum Videoangebot das sie auf Youtube bereitstellen. Alles in der Themensparte Gaming angesiedelt. Und nachdem das ganze ganz gut läuft kommt die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen und sagt: „Hörtmal Jungs, is ja fantastisch dass es bei euch läuft, aber wisst ihr… eigentlich sind so Twitch-Kanäle auch Fernsehen, meint ihr nicht? Und deshalb haben wir da was mega geiles, ihr braucht nämlich jetzt ne Sendelizenz. Die könnt ihr für 1000-10000 Euro bekommen, und dann müsst ihr euch als offizieller Sender halt nur noch an den Jugendschutz halten und an so Zeug. Also kein Problem, müsst ja nur die Gewaltspiele nach 22 Uhr bringen und so. Ihr macht dat schon. Achso und wenn nicht, dann machen wir eure Bude dicht. Viel Spaß! Ach… und wenn das mit euch so gut läuft dann kann man ja mal n kleines Exempel statuieren und das nach und nach allen Streamern aufdrücken. Weil stellt euch mal vor, wenn 100 Streamer 1000 – 10000 Euro zahlen dann sind das am Ende 100000 bis 1000000 Euro nur für uns und die nächste Beachball-Party auf Teneriffa! Also, haut rein, wir lesen uns!“

So oder so ähnlich wird sich das der Typ gedacht haben, der auf die brilliante Idee gekommen ist, Twitch-Kanäle als Sender einzustufen. 😉

 

Liebe Landesmedienanstaltenperson,

wir kennen uns nicht und du wirst diesen Text auch nicht lesen (wollen) weil das nur wieder ein Beitrag  irgendeiner zornigen Internetperson ist der man die Streams abschalten will, die sie nur deshalb schaut weil sie wegen dem Hartz4-Bezug eh den ganzen Tag zuhause sitzt und Körperhygiene vermeidet, einen Pipieimer natürlich unter dem Schreibtisch parat, weil man im Raid ja auch nicht immer so einfach weg kann. Nichtsdestotrotz schreibe ich dir mal zwang- und formlos, damit du einordnen und verstehen kannst, wie das im Internet so läuft mit den Streams und warum das, was du bei PietSmiet grade versuchst durchzudrücken, nicht der beste Plan ist, der deinem – wie seinerzeit Athena Zeus‘ – Haupt entstiegen ist.

Das Internet ist so ein Ort, wo die Leute frei ihre Kreativität ausleben können. Das ist total toll, und auf Youtube und Twitch haben sich große Gemeinschaften um die einzelnen Streamer versammelt, teilweise sind dadurch ganze Familien entstanden. Die Leute machen sogenannte Fanarts, zeichnen, häkeln, basteln und kleben ihre liebsten Unterhalter zusammen und inspirieren andere und bringen sie zum lachen. Und in so mancher Community sind diese Streams das Highlight der Woche, eine Möglichkeit vom Job abzuschalten, kurz in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt, in der die manchmal nervigen und ätzenden Eltern, Klassenkameraden, Geschwister oder Kollegen vielleicht ein bisschen in den Hintergrund treten, wo man herzhaft lachen und mitfiebern kann, sich aufregt, sich austauscht mit Gleichgesinnten. Durch Twitch und Youtube entstehen sogar neue Jobs. Wer das ganze sehr professionell betreibt bekommt irgendwann einen Manager, einen Grafiker, Moderatoren für den Chat, die Kommentarsektion und Social Media Auftritte, kurzum, es ist fast ein bisschen wie ein florierendes Wunderland.

Das Internet ist aber auch ein Ort, wo man ohne mit der Wimper zucken zu müssen als Erstklässler bereits an Hardcorepornos kommt. Eigentlich muss man nur youporn.com schreiben und bei der Frage, ob man bereits 18 ist, auf ja klicken. Klar, Lügen ist zwar irgendwie verboten, aber Mord ja auch. Also egal, her mit den Möpsen, woll! Gleiches gilt für Gewalt oder Fotos von verstümmelten Leichen, Tierquälerei, Tentakelpornozeichentricks, Bombenbauanleitungen und dergleichen. Dazu braucht man sich keinen Tor-Browser herunter zu laden um verstohlen im Darknet herumzuwühlen, das geht ganz normal offiziell im Internet. Tagsüber. Mit Licht an.

Im Fernsehen gibt es das nicht. Da gibt es allenfalls das etwas schmuddelige RTL bzw. RTL2 mit irgendwelchen Pseudo-Reality-Sendungen, quasi dem Superlativ der Talkshows damals in den 90ern. Damals hat man die Leute eingeladen um sie ihre Meinungen und Geschichten mehr oder weniger publikumswirksam zum Besten geben zu lassen, heute fährt man zu ihnen nach Hause und macht den gleichen gescripteten Unfug. Und wie es der Zufall nun einmal so will, haben sich die Zuschauer dagegen entschieden, das weiter zu konsumieren. Die Vorteile sind da eindeutig auf Seiten des Internets und des Streamings. Ich kann meine Lieblingssendung bei Youtube zu jeder Zeit abrufen und muss mich nur bei einem oder zwei Terminen in der Woche nach dem Streamer richten. Sicher, es gibt die 24/7 -Kanäle, die ein bisschen wie ein Fernsehsender funktionieren, aber an der Stelle bitte nicht zu früh „Hab ich doch gesagt!“ tönen. Dazu komme ich gleich noch. Insgesamt läuft das Internetvideoangebot dem Fernsehen langsam aber  sicher den Rang ab. Printmedien schnaufen auch bereits wegen des Auflagenrückgangs und setzen deshalb auf ihre Internetportale. Und diese Abwärtsspirale ist im Prinzip ein hausgemachtes Problem:

Um Zuschauer anzulocken wurden die Sendungen immer freizügiger und das Niveau sank. Das wiederum verprellte viele Zuschauer, lockte aber auch so manche wieder an. Da man aber wachsen möchte und man natürlich auch sieht, wie Zuschauerschaften wegbrechen, setzt man auf mehr Brüste und weniger Hirn. Es hat schließlich schonmal geklappt. Und nach ein paar Zyklen hat man eben die aktuelle Medienlandschaft 2017.

Ich bin in den 80ern und 90ern aufgewachsen. In einer was die Unterhaltung angeht sehr amerikanisch geprägten Zeit, aber immerhin gab es für mich am Ende des Zeichentricks die artig vorgetragene Moral, dass man nett zu seinen Freunden sein soll, Lügen einen in Schwierigkeiten bringen und dass die Eltern einem trotz Verboten eigentlich nur Gutes wollen. Wenn ich mir also heute das Kinderprogramm anschaue sehe ich da nur „Ich will der allerbeste sein, wie keiner vor mir war“ und generische Geschichten, in denen die Charaktere sich bestenfalls optisch von Serie zu Serie unterscheiden. Die Leute merken das. Wir Kinder von damals, das sind die 30-40jährigen von Heute, merken, dass das Fernsehen qualitativ einfach abgestürzt ist. Die Revoluzzer von damals, beispielsweise ein Peter Lustig der sich erdreistet hat im Kinderprogramm Wein zu trinken und der jedes mal am Ende der Sendung „Abschalten, es kommt sowieso nichts vernünftiges mehr“ sagte, sehr wohl wissend dass daraufhin das Wort zum Sonntag kommen würde, sind einfach fort. Peter Lustig war es übrigens auch, der mal geäußert hat, dass Kinder nicht dumm sind. Sie wüssten schon, dass er als Erwachsener natürlich Wein trinken kann, und sie als Kinder eben nicht. Dieses Zitat ist ja leider unter dieser Schmierenkampagne, er möge keine Kinder leiden, untergegangen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich kann mir den Seitenhieb auf die nachts um 1 ausgestrahlte Löwenzahn-Sondersendung anlässlich seines Todes allerdings nicht verkneifen. Das war eine der dreckigsten Aktionen die ich bisher so gesehen habe. Aber Schwamm drüber. Weiter geht’s.

Es gibt Handlungsbedarf. Das ist, angesichts der vorhin geschilderten Zugänglichkeit von brisanten Medien, nicht von der Hand zu weisen. Aber wie fängt man das ganze an? Teilweise sitzen die Firmen im Ausland und sind dadurch fein raus, erstmal. Man ist als Youtube hingegangen und hat GEMA-geschützte Musikstücke für Deutschland blockiert, doch wer das ganze trotzdem sehen wollte hat sich einen Tube-Unblocker für seinen Browser installiert oder hat direkt über einen Proxy gesurft, der Youtube vorgegaukelt hat, man säße überall sonst aber vor allem nicht in Deutschland. Mit anderen Worten: Wer will, der kann und der wird. Nachhaltiger als direkt alles zu sperren oder an bestimmte Uhrzeiten zu koppeln ist, der Jugend so viele gute Alternativen zu bieten, dass sie die mega interessanten Pornoseiten einfach vergessen und davon abgelenkt werden. Mit guten Alternativen meine ich übrigens keine neo-pädagogischen Experimente die nur deshalb gefilmt und ausgestrahlt werden, weil irgendwer wieder irgendwen kannte und ein bisschen Kohle gespendet hat. Ich meine damit gute Unterhaltung, spannende Geschichten, Charaktere, Kontroversen zuzulassen. (Langeweile bringt Jugendliche auf echt abgefahrene Ideen.) Dann muss man auch keine Angst mehr haben, dass PietSmiet eventuell das böse CounterStrike um 17 anstatt 22 Uhr streamt. Und wenn ich mal mein Insiderwissen ausspielen darf: Die Kinder, die die bösen Killerspiele sehen wollen, weil ihre Eltern sie verwahrlosen lassen, sind um 22 Uhr auf jeden Fall überall, außer im Bett.

Aber was heißt das, eine Sendelizenz als Riegel vor den Stream zu setzen?
Zum Beispiel, dass ich nicht streamen dürfte, weil ich mir nicht mal eben 1000-10000 Euro für so eine Lizenz aus den Rippen schneiden kann. Und nein, auch keine 500 Euro. Also selbst wenn man diesen Rundfunkstaatsvertrag nochmal novellieren würde im Hinblick auf diese Streamingdienste, ist diese kostenpflichtige Lizenz für Streamer ein guter Grund, aufzuhören oder gar nicht ernst anzufangen. Das heißt, dass all die wundervollen Dinge, die Familien, die Fanarts, die Kreativität und die Freude im Keim erstickt werden weil man der Meinung ist dass man Dinge, die sich de facto kaum reglementieren lassen weil es leicht verfügbare Workarounds gibt, reglementieren muss. Und außer, dass dann nur noch große Streamer und Youtuber mit Anwälten und Management streamen können, ändert das alles nur zum negativen. Sicher, man kann dann behaupten man hätte eine Art Kontrolle über das Streamingangebot und könnte einen Qualitätsstandard bieten und dergleichen mehr. Aber wenn man solche Dinge wie „Solange es keine Gesetzesänderung gebe, werde „die ZAK die bestehenden Rechtsgrundlagen anwenden““ verlauten lässt, sieht das eher danach aus dass man ein Recht nur deswegen umsetzen möchte, weil es geht. Und da bewegen wir uns im Definitionsbereich der Schikane (Schikane aus juristischer Sicht, nicht aus Sicht aufgebrachter Endbenutzer). Ist das Fernsehen in der Position, die Konkurrenz zu schikanieren? Ja klar. Löst das deren Zuschauerprobleme? Lol, wie der neologisierende Internetuser sagen würde.

Mal so unter uns Klosterschwestern, ein bisschen belächelt man diese Webvideoszene ja schon. Da sind ungelernte Leute mit viel zu teuren Heimanwenderkameras unterwegs und generieren Geld aus Nichts und baden in Nutella. Das nimmt doch niemand ernst der geistig stabil ist. Es sei denn… ja es sei denn dieses Youtube und dieses Twitch wären ein Wachstumsmarkt und die Werbekosten die da über die Theke wandern lassen einen schon so ein bisschen sabbern. Bei Twitch scheint es so zu laufen, dass es pro Stream ein Kontingent an auszustrahlenden Werbespots gibt die auf die Zuschauer verteilt werden. Ist das Kontingent erschöpft, sieht der Rest halt keinen Spot. Und jetzt kannst du dir ja überlegen, wie oft andere so wie ich in manchen gut besuchten Streams einfach keine Werbung gesehen haben. Das heißt da ist noch mächtig Potenzial, und mächtig Potenzial ist immer äquivalent zu cartoonigen Dollarzeichen in den Augen.

Besser, als so einen Reglementierungsporno zu drehen, fände ich ja wenn sich die klassischen Medien auf die neuen Medien einließen, ihr Angebot erweiterten und weg von den krokeligen Mediatheken und hin zu Youtube, Twitch und dergleichen gingen. Die Leute möchten Unterhaltung. Die Leute möchten Edu-Tainment. Die Leute möchten sogar die niveaulose Scheiße von RTL sehen. Nur eben im Internet. Zu flexiblen Zeiten. Mit der Möglichkeit zu entscheiden, ob sie Brüste oder Wasserstoffbrückenbindungen konsumieren. Jaha! Es gibt ja viele Sender mit vielen Alternativen im Fernsehen, wirst du jetzt sagen. Aber wenn man sich die Nachmittagsprogramme der Sender anschaut denkt man häufig nur „Für Rentner, für Rentner, für Assis, für Rentner, für Dumme, für Notgeile, für Assis, langweilig, kenn ich schon…“ Und kaum ist man mit dem Studium der Auswahl fertig ist schon wieder Zeit für taff mit einer Auswahl der am besten geklauten geliehenen Internetclips von Vine, Youtube und 9gag. Untermalt mit Gratismusik von NoCopyrightSounds.

Technisch gesehen hat die ganze Sache mit dem Sender einen Flaw. Tatsächliche Sender senden immer und das Sendesignal kommt auch immer in meiner Wohnung an, ob ich da nun ein Gerät dranstecke oder nicht. Bei Twitch-Streams hängen da noch x Stufen dazwischen. Analog zur TV-Leitung ist die Telefonleitung an das man den empfangenden PC klemmt. Dann muss man allerdings noch den entsprechenden Dienst im Browser aufrufen, das ganze wird also nicht automatisch an mich gesendet, sondern von mir abgerufen, on demand, weil ich die Webseite von Twitch ja erst ansteuern muss. Macht das keinen Unterschied? So definitionsgemäß? Was ist mit Netflix und dergleichen? Haben die eine Sendelizenz? Weil… nicht dass die als große Konzerne nachher keine brauchen. Dieses Gschmäckle will man ja jetzt auch nicht aufkommen lassen.

Lasst uns doch einfach mal zusammenarbeiten und die paar Kröten ignorieren die man damit machen kann. Klar, man könnte als Landesmedienanstalt mal zeigen, wer hier der Medienboss ist. Aber damit bekommt ihr die Zuschauer erstrecht nicht wieder. Im Gegenteil.

Naja. Wie gesagt. Du wirst das eh nicht lesen und am Ende wird PietSmiet entweder aufhören zu senden oder es gibt ne Novellierung des Gesetzes oder die bezahlen die Kohle. Die machen den Kram ja auch beruflich. Aber den kleinen Streamern die Plattform zu nehmen ist das, was man im Internet einen Dick Move nennt. Das sind deine Zuschauer. Das sind die, wegen denen die Werbepartner den Sendern überhaupt Geld geben.

 

Mit freundlichen Grüßen

die Ente

 

 

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