Saving Marina Joyce

Okay. Das ist ein bisschen spät aber ich wollte nicht direkt in diesen Haufen aus in Panik wimmelnder Körper springen, die alle ein englisches Mädchen retten wollten das von der ISIS dazu gezwungen wurde, Klamottenvideos bei Youtube zu drehen und Kinder um 6:30 Morgens zu einem Treffpunkt zu locken damit da ein Anschlag stattfinden konnte.

Warte mal, was?!

Da war also dieses Mädchen, knapp 18-19 Jahre alt, und sie hat bei YT so’n paar Beauty-Videos hochgeladen und süße Kleidchen im Rahmen von Kooperationen vorgeführt und alles war super, bis sie irgendwie vor einem halben Jahr ungefähr angefangen hat, komisch zu werden in ihren Videos. Sie wechselte von einer selbstbewussten Jugendlichen mit der man Spaß haben konnte zu einer unsicheren, wackeligen Puppe die regelmäßig entsetzt in oder hinter die Kamera schaute. Die Zuschauer fragten sich natürlich wtf – was ist da los? und da einem als Zuschauer nur ein Video als Information zugrunde liegt, schloss eine unheimlich große Menge an Menschen daraus, es gäbe eine Bedrohung hinter der Kamera. Warum sonst sollte die lebenslustige Marina auch so komisch schauen…

Und wie Leute nunmal so sind, fingen sie an, die Videos runterzuladen und zu analysieren. Irgendwann fanden sie in einem der neueren Videos ein Flüstern, „HELP ME!“ und schon war alles klar. Die Kacke ist am dampfen, das Mädchen ist entführt, vielleicht schon längst tot, auf jeden Fall aber in Gefahr und der Hashtag #savemarina /#savemarinajoyce war weltweit top trending auf Twitter.

Marina twitterte dann tatsächlich sehr merkwürdige Dinge, die Öl in das ganze Entführungsfeuer gossen, wie zum Beispiel eine Einladung zu einem Treffen an einer U-Bahnstation um 6:30 morgens. Und kurze Zeit später tauchte ein erschreckendes Video auf. Ob sie das selbst bei Twitter gepostet hatte kann ich nicht verifizieren, weil es nach kurzer Zeit wieder gelöscht wurde. Aber angeblich ist dort ihre Stimme zu hören, wie sie schluchzend und außer Atem flüstert, dass niemand zu dem Treffen kommen darf weil Menschen hinter ihr her seien und dass kein „Meet up“ (Treffen) sondern ein „Set up“ (gestellt) sei. Die Kamera filmte dabei in den dunklen Nacht/Morgenhimmel und die Bildqualität ist die einer Handykamera, die mit den Lichtverhältnissen überfordert ist. Man kann sich vorstellen, dass wenn sowas die Runde macht, die Leute ausflippen. Das ganze reichte von echter Besorgnis und Anrufen bei der Polizei bis hin zu Leuten, die Videos und Fotos manipulierten, um Clickbait auszulegen und auf dem Hype mitzureiten.

Der Youtube-Account von Marina Joyce wuchs in der akuten Zeit von ca. 600 000 Abonnenten auf 2 Millionen. Innerhalb von grob 24 Stunden nach dem „Help me“-Video war die 1 Millionen-Grenze geknackt. Und so langsam kamen Zweifel auf ob das nicht alles ein Publicity Stunt gewesen sein könnte.

„Help me“ war nicht das einzige, was in dem Video für Aufsehen sorgte. In einer Einstellung kann man sehen, dass die Oberarme des Mädchens mit blauen Flecken übersät waren. Blaue Flecken auf den Rückseiten der Oberarme, schlossen die Leute, passieren nicht einfach so. Blaue Flecken, Help me, angsterfüllte Blicke in die Kamera, eine zittriger Körper…

Die machtlosen Menschen in den Social Media Plattformen versuchten also herauszufinden, ob sie Marina helfen konnten.

„Setz dir eine Mütze auf wenn du in Gefahr bist!“, „Like diesen Tweet wenn du in Gefahr bist!“, „Kratz deinen Arm wenn du in Gefahr bist!“

„Like diesen Tweet wenn du in Gefahr bist!“ war so eine Sache, die die Eskalation nur weiter anheizte, weil Marina klickte tatsächlich auf „Like“.

Inzwischen kam dann auch die Polizei bei Marinas Elternhaus, in dem sie die ganze Zeit lebt, vorbei und bestätigte schließlich öffentlich, dass sie in Sicherheit sei. Verschiedene Streamer baten sie zum Interview und auch hier versicherte Marina, sie sei in Ordnung. Auffällig an den Streams war, dass sie auch hier diesen verwirrt-ängstlichen Blick hatte und ihr an einer Stelle plötzlich alles aus dem Gesicht zu fallen schien. Das kann man sich so vorstellen wie normale Mimik – jemand zeigt einem das Bild der enthaupteten Familie – zu Tode geschockte und versteinerte Mimik. Ja, so ungefähr sah das aus. Abgesehen von der Tatsache, dass da natürlich niemand enthauptet wurde und der Streamer ihr bloß harmlose Fragen stellte. Die blauen Flecken an den Oberarmen erklärte sie damit, dass sie im Wald hingefallen sei und natürlich glaubten das nur wenige. Wer fällt denn SO hin? Aber irgendwann wurde auch ein Streaming-Interview mit Mutter und Tochter veröffentlicht in dem auch das vermeintliche „Help me“ aus dem Video erklärt wurde. Die Mutter sagte, sie habe Marina eine Bewegung vorgemacht und „Like me“ gesagt und das habe ihre Tochter nicht richtig aus dem Video heraus editiert.

Es gab aber diese überwältigende Menge kleiner Hints in den Videos, dass etwas nicht stimmte. Manchmal war nur ihr kleiner Fingernagel lackiert und im Internet kursieren so „geheime Warnzeichen“, die man an sich selbst anbringen kann um anderen zu signalisieren, dass man unter häuslicher Gewalt leidet. Gleiches galt auch für zwei blaue Striche, die sie unter ihrem rechten Auge angebracht hatte. Wem also soll man glauben? Man verliert ja sogar schon den Überblick wenn man nur die Erklärungsvideos, die übrigens (monetarisiert) aus dem Boden schossen, anschaut. Angeblich hätte man auch das Geräusch einer klirrenden Kette hören können und das sei ja nun der Beweis dafür, dass Marina zuhause angekettet wird. Also abgesehen davon dass man auch so Zugbänder an der Hose haben kann in die kleine Bimmelglöckchen eingearbeitet sind (hab ich witzigerweise…) die genauso für so ein Geräusch verantwortlich sein konnten wie die Halskette die sie in dem Video trug.

Aber was ist denn jetzt los?

Natürlich stöberten die Leute auch in ihren alten Videos und so kam auch ein altes „Draw my life“ zutage, wo Marina kleine Bildchen skizzierte in denen sie wichtige Stationen in ihrem Leben abbildete. In einem davon erklärte sie, sie habe sich als Kind mal selbst geschadet. Die Details dazu spare ich mal aus, weil das nichts dazu beiträgt was ich hier klar machen möchte. Und ab da war zumindest für mich klar, was grade passiert.

 

Wenn man die Situation einmal zusammenfasst: Mädchen mit halbwegs Erfolg auf Youtube, hatte als Kind ein Selbstverletzungsproblem, beginnt ab einem bestimmten Zeitpunkt sich verunsichert zu verhalten. Postet eine Einladung zu einem Treffen um 6:30 morgens, postet vielleicht ein Video in dem sie sagt sie würde verfolgt und man dürfe nicht zu dem Treffen gehen. Sie klickt auf Like bei Twitternachrichten, die sie darum bitten auf Like zu klicken wenn sie in Gefahr ist. Die Mutter und die Polizei bestätigen aber, dass sie in Sicherheit ist.

Und wenn man daraus schließt, dass sie sich vielleicht tatsächlich zumindest zeitweise verfolgt und in Gefahr fühlt, dann ist der am nächsten liegende Schluss dass sie wohl ein medizinisches Problem hat.

 

Ich mein, es ist schlimm das ich das so sagen muss, aber:
Kein Entführer, kein Isis-Terrorist und kein gewaltbereiter Schlägerfreund würden auf die total beschmierte Idee kommen, das Mädchen Videos für Geld drehen zu lassen (zumal die Videos auch nicht monetarisiert sind und entsprechend nicht alle Geld abwerfen) mit Beweisen wie z.B. dem Aufenthaltsort, blauen Flecken, der Tageszeit. Isisterroristen brauchen keine abgefahrene Uhrzeit für Youtuber-Treffen um Leute in die Luft zu sprengen. Eltern würden ihre Kinder auch gar nicht zu so einem Treffen um 6:30 an einer U-Bahnstation gehen lassen. Ernsthaft.

 

Die Auflösung:

Befreundete Youtuber von ihr haben sich zu Wort gemeldet. Haben bestätigt, dass es Marina gut geht, haben sich darüber zurecht geärgert dass Menschen ihnen unterstellt haben, Teil irgendeiner Verschwörung zu sein oder ihr nicht zu helfen. Und offenbar gibt es sowohl Hilfe für sie, als auch Hilfsbedarf. Die Leute wissen wohl auch, um welche Art von Problem es sich handelt, mit dem Marina zu kämpfen hat, nur aus Respekt vor ihr hat niemand Details breitgetreten.

 

Fazit?

Das Internet ist ein riesiger Hive Mind. Und wenn irgendwo Gefahr gewittert wird, sind viele hilfsbereite Menschen da um etwas zu tun. Und wie auch außerhalb des Internets gibt es die, die aus der Situation Profit machen wollen, sowohl geldlich als auch mit „Fame“, also Berühmtheit. Es ist faszinierend und beängstigend zugleich zu sehen, welche Massen von Menschen sich allein durch ein paar Youtube-Videos und Twitternachrichten bewegen lassen. Und es ist schön dass viele den Wunsch haben, einer Person der es aus welchen Gründen auch immer grade nicht gut geht, zu helfen. Ich glaube auch nicht, dass das Ganze ein Publicity Stunt war. Bei einem solchen hätte sie sich auch vor die Kamera stellen können um mit Details nur so um sich zu werfen. Das ganze wirkt eher wie ein respektvoller Mantel des Schweigens, der um Marinas Gesundheit gelegt wurde. Und ich wünsche mir, dass erstens für sie alles gut wird und zweitens die Leute ihr genug Raum lassen, damit das passieren kann.

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