Living Paganism V: Lifestyle

Lifestyle ist so ein Wort das ein bisschen nach teuren Shampoos, glitzernden Armbändern und Smartphones riecht. Also genau das Konsum-Zeug, von dem man sich als Heide und Konsumkritiker und Öko irgendwie losgesagt hat.

Aber irgendeine Art zu leben hat man ja dennoch. Irgendeinen Kleidungsstil, irgendeine Musikrichtung und irgendeine Frisur hat man trotzdem. Die sind abhängig davon, wie ursprünglich man das eigene Heidentum lebt. Es gibt durchaus Leute, die efeubekränzt durch die Innenstadt wandeln und die haben genauso ihre Existenzberechtigung wie Jeans-und-T-Shirt- oder Gothic- oder Mittelalterheiden.

Es muss ja Kernthemen geben, sagt man sich. Kernthemen, mit denen sich der Heide generell häufiger beschäftigt, ein Nenner, auf den man das bringen kann. Es gibt schließlich Bands die Pagan Folk spielen und irgendwer muss die Odin statt Jesus – T-Shirts ja auch kaufen.  Es ist schwierig, die Heidenszene im puncto Mode oder Musik zu beschreiben und auf eben diesen einen Nenner zu bringen, weil sich da sehr viele unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Interessen treffen. Und obwohl sie alle Heiden sind (im Sinne von nicht zugehörig zu einer der (monotheistischen) Weltreligionen) sind so Aussagen wie „Alle Heiden hören Rapalje und Omnia, tragen Gewandung oder Cargo-Hosen und haben lange Haare.“ nicht haltbar, obschon das für viele zutrifft. Ich hab lange Haare, höre Rapalje und Omnia, trage hin und wieder komische Klamotten die man wohlwollend als Gewandung umschreiben kann.

Dinge auf die man häufig trifft sind aber nicht gleichzeitig für alle gültig. Das vorweg.

So eine Liste der Dinge, die Heiden gerne tun, essen, hören und tragen wär aber schon cool, oder? Also für die, die grade in der Findungsphase sind und wissen wollen ob das was für sie ist. Man könnte da als Titel „heidnische Hobbies“ drüberschreiben und hin und wieder was hinzufügen. So als kleines Kompendium. Komm schon Ente, höre ich die Stimme von meiner Schulter flüstern, du willst es doch auch.

Heidnischer Lifestyle hat vor allem damit zu tun dass man die Kultur, der man anhängt, in den eigenen Alltag integriert. Einerseits natürlich durch die Philosophie und Denkweise, die sich durch die zustimmende Beschäftigung mit der Materie ergibt und andererseits umgibt man sich gerne mit dem, was man aus den Mythen erfahren hat, einfach um dem Ganzen etwas näher zu sein. Und weil die hiesige NanuNana-Filiale keinen Germanenkitsch im Bestandssortiment hat ist man, so man denn Interesse hat, gezwungen, selbst produktiv zu werden oder produzieren zu lassen. Zum Glück gibt es da die Internet-Shops die Willige mit Schnitzereien und Figuren und dem ganzen Trallala versorgen. (Ich steh total auf Buntglas, was dafür gesorgt hat, dass ich keltische Knoten und Tiere und Symbole und Co. in Windowcolor-Form an Fenster und Balkontrennwände drapiert habe.)

Zum Kulturkomplex gehört natürlich auch Musik und die, die musikalisch sind oder sich wenigstens dafür halten, werden sich ein Instrument besorgen und anfangen, damit zu spielen, zu üben, besser zu werden und dann neue Ufer zu erkunden wie zum Beispiel Volkslieder aus den Regionen, wo die Religion der man Anhängt ursprünglich heimisch war (wenn einem diese Musik denn zusagt). Wenn man den Weg dann zuendedenkt landet man bei traditionell irischen Flöten (Tin Whistle) oder Rahmentrommeln (Bodhran) oder weil’s gut klingt eben beim Didgeridoo oder der Maultrommel, der Blockflöte oder der Harfe (oder E-Gitarre, Querflöte, Keyboard, Triangel, Zithar, Bombarde, Dudelsack, Schießmichtot).  Die, die keine Musik machen können oder wollen, hören sie dann. Und man kann zwar sagen, dass Heiden gerne Folk hören, aber ich glaube das ist obsolet zu fragen ob alle Heiden denn immer nur Folk hören. Ich steh auf Meat Loaf und Blind Guardian. Und Hammerfall. Und Pink. Eben.

Der Kleidungsaspekt ist, wie bereits angerissen, echt komplex. In der „Szene“ finden sich natürlich eine Menge Leute die, sagen wir mal, gesellschaftskritisch sind und deshalb nicht jeden Modetrend mitmachen. Das hat zur Folge, dass sie sich zeitlos und neutraler kleiden, meistens auf knallige Farben verzichten und Erdtöne und Schwarz eher dominieren. Oft werden auch Naturmaterialien bevorzug weil man in dem Plastikzeug aus der Sklaverei von Primark und Co. einfach nur stinkt und schwitzt und Ausschlag bekommt und besonders langlebig sind die Sachen auch nicht. Naturmaterialien, mit Liebe und Mühe selbstgemachte Kleidung (Stricken, Häkeln, Nähen, Nadelbinden) und Qualität sind häufig Aspekte, die da in den Vordergrund treten. Fair Gehandeltes. Regional Produziertes. Second Hand. Dazu kommt eine latente Affinität zum Mittelalter oder früheren Epochen, die man auch durch die Kleidung nach außen tragen kann.
Schmuck gehört da auch ein bisschen dazu. Oft wird Schmuck wie Ringen oder Ketten eine gewisse Glücksbringerfunktion zugedacht. Je nach dem kann auch an magische Wirksamkeit verschiedener Symbole geglaubt werden oder der Träger eines Thorshammers verbindet sich dadurch mit der entsprechenden Gottheit. Dieser Symbolschmuck spielt auch in der Gestaltung der eigenen vier Wände eine Rolle, indem verschiedenen Bildern Schutzfunktionen zugedacht werden oder sie die Fruchtbarkeit erhöhen sollen. Dazu kommen noch Tattoos und Piercings die auch thematisch passend sein können aber das ist, wie so vieles, dem persönlichen Geschmack überlassen.

Essen und Trinken, könnte man meinen, sind bei Heiden immer in Gestalt mittelalterlicher Festbankette anzutreffen und auch wenn sich manche diesen Spaß gerne mal gönnen, das Spanferkel mit Bratensoße, Knödeln und Rotkraut (…jetzt hab ich Hunger… >.<) aufzutischen, so gibt es auch genug, die Vegetarier und Veganer sind oder auf Bio-Lebensmittel bestehen oder einfach ganz normales Supermarktzeug essen. Da die Tendenz zur Konsumkritik geht trifft man natürlich auch auf die, die einer bestimmten Ernährungsform anhängen und diese auch in ihre Philosophie integrieren. Im Asatruglauben gibt es rituelle Metumtrünke, bei denen man sich trifft, auf die Götter anstößt und/oder Eide schwört. (Ich hoffe ja dass das nicht nötig ist, aber ich erwähne trotzdem dass Asatru keine Alkoholikerreligion für Proleten mit Odin-Tourette ist.) Met ist, was die Religion angeht, fast eine Art Messwein. Wer mag, kann sich dazu mal über den Dichtermet/Skaldenmet Odrörir informieren, das ist dann der entsprechende Background dazu. In den modernen Lebensmitteln ist zweifelsohne eine Menge Quatsch drin, der nicht nötig ist. Für Erdbeerjoghurt reicht es mir, Erdbeeren, etwas Zucker und Joghurt zu haben. Ich brauche Erdbeeren auch nicht im Winter, weil die da die eingelagerten Äpfel vom Herbst essen kann. Und so ähnlich geht es vielen anderen Heiden, die sich mit der Erde verbunden fühlen und das, was an industrieller Nahrung in den Supermarktregalen liegt, für ungesund halten. Auch muss man keine selten-seltsamen Früchte aus dem hinterletzten Winkel der Welt hier her zerren, nur weil man mal wieder was anderes möchte. Wenn wir dort etwas wegnehmen und hier herbringen, dann fehlt es natürlich dort. Das führt, könnte man sagen, zu Ungleichgewicht. Das läuft natürlich jetzt nicht auf ein Bananenverbot hinaus, aber ich persönlich finde es gibt eine Menge einheimisches Obst, das fast in Vergessenheit geraten ist, weil man hier mittlerweile Litschi, Kumquat und Kiwano kaufen kann. Sind bestimmt lecker, aber wenn wir schon eigenes Obst haben könnte man sich ja ein kleines bisschen Kerosin sparen und zur Pflaume greifen. Oder zur Kirsche. Sind auch lecker. Dass die Fleischproblematik für viele ein Argument ist, Vegetarier oder Veganer zu werden, muss man, denke ich, nicht breit ausführen. Das geht einher mit einer intensiveren Beschäftigung mit Lebensmitteln an sich.

Die kapitalistisch-destruktive Gesellschaft abzulehnen, auf die eigene Gesundheit und die freie Religionsausübung wert zu legen und sich auch sonst kulturell und spirituell auszuleben führt ein paar Heiden zu dem Schluss, einen Sprung ins Selbstversorgertum zu wagen. Das hat unter anderem auch mit einer Entschleunigung der Lebensumstände zu tun. Wenn der eigene Lebensplan nicht ist, Manager oder Model zu werden, dann schränkt sich der Kreis der Berufswege ein, die man einschlagen kann, speziell weil Manager heutzutage ein hehres Ziel ist. Menschen, die Handwerklich begabt sind und sich mit diesem Berufszweig nicht anfreunden können oder wollen, geraten ins Hintertreffen weil Handwerksberufe aussterben, daher ist Selbstversorgung (und damit einhergehender Kinderreichtum) unter anderem auch ein probates Mittel, um dem zu entgehen.

Dass Heiden generell eine Affinität für alte Waffen wie Schwerter, Armbrüste und Bögen haben sollen kann man (wieder einmal) nicht verallgemeinern. Sich damit zu beschäftigen ist eine Art von Sport und wer generell Waffen zum Zwecke der Selbstverteidigung hortet – naja, ist halt so mittel-legal jemandem sowohl mit authentischen als auch mit Fantasy-Knüppeln auf die Mütze zu hauen. Klar soweit. Als Deko eignen sich solche Waffen für die, denen das geschmacklich gefällt (Könnte sein, dass ich mich wiederhole. 😉 ) oder Reenactoren, die in Gruppen alte Kampftechniken üben.

Das war jetzt erstmal eine Menge Holz. Sicher gibt es noch weitere Unteraspekte zu denen man noch das ein oder andere Wort verlieren kann (und wird) aber ich schätze, ich habe den Tenor ganz grob getroffen. Auf einzelnes gehe ich an anderer Stelle nochmal separat ein.

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