Living Paganism II: Die zig Gebote

Zu allererst sei gesagt, dass egal welche Maximen sich Leute auf die Fahnen schreiben, seien das nun Tugenden, Gebote oder komplizierte Philosophien – es ist nicht zwingend so, dass sie sich auch dran halten. Das liegt weniger daran dass es Christen, Heiden oder sonstwie Religiöse sind sondern eher daran, dass Leute moralflexibel sind. Auch unter Heiden gilt die alte Regel trau schau wem. (Unter Christen, Atheisten, Bahai, Muslimen, Juden und all den anderen bunten Leuten auch. Soll ja niemand zu kurz kommen 😉 )

Jetzt ist die hiesige Kultur ja schon eher christlich geprägt, auch wenn mancher unken wird dass Muslime grade auf dem Vormarsch sind. Dazu kann ich nur sagen, dass ich mir für alle Beteiligten eine gleich starke und wertvolle Kultur wünsche. Und nein, lärmendes Marodieren durch Straßen und das Verbreiten grottenblöder Parolen ist damit wohl kaum gemeint.

Auch hier kann ich wieder nur für mich sprechen.

Ich kann Rassismus (ja ich weiß, bei Germanen lauern sie immer drauf…) kulturhistorisch erklären, sogar begründen und einen Sermon darüber verfassen warum man Fremdenfeindlichkeit eine Zeit lang sogar brauchte und warum die Anlage dazu fast sinnvoll ist. Man will ja nicht, dass einem der Nachbarstamm die Frauen/Nüsse/Feuersteine/das Glänzige klaut. Ich gehe aber (mutig wie ich bin) davon aus, dass meine Leser das schon gerafft haben, dass Heidentum nicht gleichzusetzen ist mit Rechtsradikalismus, Faschismus, Rassismus oder irgendeinem anderen -ismus.

 

Handeln

Handele nur nach derjenigen Maxime durch die du wollen kannst, dass sie zum allgemeinen Gesetz werde. (kategorischer Imperativ von Kant, keine Sorge, dazu sag ich noch was…)

Auf Bundeswehrdeutsch: Führen durch Vorbild

Oder ganz einfach:
Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem ander’n zu.

Man kann sich also grob vorstellen, worum es geht. Wenn mir Dinge wichtig sind dann respektiere ich sie nicht nur, ich gehe sogar einen Schritt weiter und extrapoliere (ihr sollt ja auch was lernen: Extrapolation ist so’ne Art Hochrechnung, ein weiter-denken), dass andere Dinge für andere Leute auch wichtig sein könnten und respektiere eben diese anderen Dinge auch. In der Praxis heißt das, nicht an den Externsteinen herumzuhängen und dort meinen Müll rumliegen zu lassen. Nicht das komplette Bärlauchfeld im Wald abzugrasen. Nicht die coole alte Kirche mit dusseligen Graffitis vollzuschmieren. Aber auch (mal) Dinge für andere zu tun, auf die ich eigentlich garkeine Lust habe. Der Common sense würde sagen, man soll sich halt benehmen.

Jetzt gibt es im Asatru analog zu den 10 Geboten die 9 Tugenden, als da wären Gastfreundschaft, Mut, Treue, Ehre, Wahrheit, Selbstständigkeit, Ausdauer, Fleiß, Disziplin.

Gastfreundschaft. Gastfreundschaft? Das muss dem geneigten stumpf-Nazi-Heiden erstmal auf der Zunge zergehen. Gastfreundschaft. Für ausnahmslos jeden. Ewwww. Egal. Gastfreundschaft rührt historisch gesehen daher, dass die Leute damals mit ihren Höfen einfach grottenweit auseinander gewohnt haben und wenn jemand unterwegs war konnte das überlebenswichtig sein, in einer kalten Nacht irgendwo unterzukommen ohne dass sich die Heimbesitzer da geziert haben. Gastfreundschaft heißt nicht, jedem die Tür zu öffnen, der mit einer bluttriefenden Kettensäge klingelt. Gastfreundschaft heißt, die Situation richtig einzuschätzen und da es heutzutage relativ selten vorkommt, dass Fremde auf der Suche nach einer Schlafgelegenheit einfach mal so klingeln, kann man das als Hilfsbereitschaft verbuchen.

Unter Mut und Treue dürfte sich jeder was vorstellen können. Für sich selbst und seine Freunde und Familie eintreten zu können. Es zu wagen, ungewohnte Wege einzuschlagen. Niemanden zu verleugnen nur weil das bequemer ist. Den Penis mal in der Hose zu lassen, auch wenn die Tussi am Ende vom Tresen die Brüste halb draußen hat. Selbstbeherrschung. Das zu erkennen, was einem wichtiger ist und den Mut haben, die Wahl zu treffen.

Ehre ist da schon ein härteres Kaliber. Haben wir heute noch Ehre? Haben wir da überhaupt Bedarf dran? Ok man hört immer bestimmte Klischeegruppen irgendwas von Ehre erzählen, hin und wieder hat man mal den Ehrenmord in der Zeitung. Aber eigentlich, meint man, ist das ein altes Konzept. Man bekommt ja nichtmehr den Federhandschuh ins Gesicht und wird dann zum Duell gefordert. Ehre. Meistens stört das doch eher, wenn Leute auf die eigene Ehre pochen und einen Streit nicht auf sich beruhen lassen, weil sie sich in ihrer Ehre verletzt fühlen. Ehre. Ehre hat etwas mit Selbstwertgefühl zu tun. Die Ehre ist so eine Art Blase die uns umgibt und wenn sie angerührt wird dann ‚ehrt‘ einen das (Lob) oder beschämt (Beleidigung). Die eigene Ehre und die anderer ist eine Art Reglementierungsmechanismus. Ich möchte nicht beleidigt werden, also sorge ich für wenig Angriffsfläche, leiste gute Arbeit, bin freundlich, verteidige meine Lieben. Sind diese Dinge gewährleistet, ist also ein stabiles Grundgerüst durch mein Verhalten geschaffen, kann ich also jemanden, der mir zu Unrecht übel will, besser identifizieren. Ich habe mich gut verhalten – er kritisiert mich trotzdem – also ist er der Böse, weil ich alles richtig gemacht habe.

Wahrheit ist auch klar. Die Wahrheit ist in den meisten Fällen hilfreicher als zu lügen.  Inwiefern man Wahrheit, Lügen, Notlügen und verbogene Wahrheiten man nun Prozentual gewichtet, ist quasi die Kunst. Sage ich geradeheraus, was ich denke, stößt das anderen eventuell vor den Kopf. Lüge ich mich charmant überall heraus wird das irgendwann enttarnt und man hat die eigene Ehre damit beschädigt.

Selbstständigkeit dürfte auch jeder kennen. Sich selbstständig versorgen können, unabhängig zu sein, niemandem unnötig zur Last zu fallen. Zu erkennen, wann andere Hilfe brauchen.

Ausdauer, Fleiß und Disziplin sorgen dafür, dass man in dem, was man tut, gut wird.

 

Und jetzt hält man sich einfach an die Tugenden und alles wird gut. Oder?
Ja genau.
Nein. Man kann sich nicht roboterhaft immer an alles halten und dabei ein konfliktlos-glückliches und kreatives Leben führen, ohne Krankheiten, ohne Konflikte, ohne Versagen. Schon allein deshalb weil sich die anderen nicht ständig an alles halten. Also wozu diese Regeln, wenn sie eh keiner einhält?
Das sind Ideale. Idealvorstellungen von dem, wie ein Zusammenleben ablaufen soll. Wichtige, zu beachtende Punkte. Wer sie verinnerlicht nähert sich ein Stück den coolen Wikinger-Vorfahren an 😉

Ein weiterer Punkt sind nämlich die Ahnen, die, die vor uns in diesem Land gelebt haben bzw. dieser Kultur angehörten. Aber auch die eigenen Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten etc. gehören dazu.  Asatru ist eine Religion die sich was ihre Riten und Glaubensinhalte angeht, aus der Vergangenheit bedient. Hierzu werden natürlich Überlieferungen wie die Edda oder die Sagas herangezogen, aber auch Arbeiten moderner Autoren, Interpretationen etc. dienen als erweiterte Quelle. Und natürlich ist das, was wortwörtlich in der Edda zu lesen ist, teilweise genauso wenig umsetzbar wie das, was in der Bibel steht. Hier opfert niemand die eigenen Kinder oder den nicht-grüßenden Nachbarn auf einem Altar (und wir hängen auch niemanden in den Baum. Auch keine Pferde. An dieser Stelle erlaube ich mir einmal, für sämtliche Asatru zu sprechen. Möglicherweise gibt es ja Exemplare, die tatsächlich Menschenopfer darbringen, allerdings sind das dann eher immense Dachschäden die in Behandlung gehören und keine Weiterführung alter Traditionen.) . Bei der Ahnenverehrung geht es darum, das, was die Vorfahren geschaffen haben, wertzuschätzen, mit Erbstücken pfleglich umzugehen, egal ob das ein alter Schuhlöffel oder ein Traditionsbetrieb ist. Schließlich haben die Vorfahren sich abgemüht, und weil man ihnen dafür nicht mehr von Angesicht zu Angesicht danken kann, ehrt man sie eben. Wie genau das abläuft wird noch zu beschreiben sein.

 

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