Living Paganism I: Wie und warum

Nachdem wir uns über heidnisches Selbstverständnis unterhalten hatten hat sich bei mir gedanklich einfach was ergeben, was ich in meinem Blog ausformulieren wollte. Leute kommen aus unterschiedlichen Gründen auf meine Seite – viele wegen den Physik/Chemie-Erklärungen, manche wegen den Statements, wieder andere weil man sich eben kennt und auf dem Laufenden bleiben mag.

Oft habe ich das eine oder andere heidnische hier einfließen lassen, aber ich bin da nie so „offensiv“ mit umgegangen wie andere. Dieser Eintrag und die folgenden aus der Reihe richten sich an die Neugierigen, die null Ahnung haben was Heidentum eigentlich ist, an die alten Hasen die sich anschauen wollen, wie die anderen das wohl so machen, an Leute, die einfach ein bisschen mehr von mir lesen wollen. Ach eigentlich an alle, die’s lesen wollen. Here we go 😉

Heidentum ist ja erstmal als nicht-Christentum, nicht-Judentum und nicht-Islam neudefiniert. Heiden nennen sich die, die entweder einer der großen neuheidnischen Strömungen angehören oder die irgendeine Art von Patchwork-Philosophie anhängen. Ich kann, und das betone ich jetzt ein-Mal, nur von mir sprechen, vielleicht noch erfahrungen von mir mit anderen aufzeigen, aber allgemeine Aussagen zu treffen über „das Heidentum“ ist nahezu unmöglich, ohne jemandem mit dem spitzen Absatz auf den Fuß zu treten.

 

Warum:

Wie kommt man dazu, kein Christ (mehr) zu sein, wenn man doch eigentlich in eine christliche Gesellschaft geboren wurde und wenn man doch eigentlich auch christlich aufgewachsen sein sollte, mit Religionsunterricht, Kommunion und Co?

Vieles hat sich aus Vorlieben ergeben, manche Vorlieben haben andere Vorlieben bedingt. Ich mochte als Kind Ritter, also mochte ich auch das Mittelalter, und Fantasy, und Drachen, und Wälder, und Tiere, und die Themenkomplexe griffen einfach ineinander. Und weil meine Eltern keine Trivialidioten waren sondern wert auf Bildung gelegt haben gab es eben Bildungsfernsehen anstatt GZSZ, Dokus anstatt Wetten dass…, Zeichentricks mit historischen Inhalten wenn man denn schon fernsehen musste, es gab riesige Bildbände und Sachbücher anstatt Konsalik und Nachbildungen archäologischer Fundstücke anstatt kitschiger Gartenzwergdeko, die Reise ging nach Ägypten und Israel anstatt nach Malle. Soweit das Grundgerüst.

Mit dem Christentum in Berührung gekommen bin ich in der Schule und von da aus auch zum Kommunionsunterricht. Allerdings war das ganze nie ein Thema Zuhause, was nicht schlimm war, ich hatte eine alte Kinderbibel und da ich lesen konnte konnte ich darin auch erfahren worum’s grob ging. Es fehlte allerdings ein bisschen die emotionale Bindung dazu. Das ist etwas, was Leute auch sehr häufig beschreiben: SIe waren zwar irgendwie Christen, aber erst als sie gewechselt sind, haben sie sich angekommen gefühlt. Ich hatte ja im Prinzip Glück, denn ich bin nicht mit der Kirche oder mit zu militanten Anhängern in Konflikt geraten. Mich hat also nichts direkt abgeschreckt, anders als die Erfahrungen manch anderer, die durch ihr unchristliches Verhalten schiere Arbeitsplatzprobleme bekommen haben oder von der Familie verstoßen wurden – diese Berichte finden sich ja zur Genüge im Internet.

Ich glaube bei mir war das einfach die Konfrontation mit vielen verschiedenen Kulturen, die tagtäglich stattfand, sei es nun durch Götterstatuen, Fernsehdokus oder Bücher. Das alles gehörte dazu und machte weltoffener. Während meine Mutter für all das zuständig war, was aus dem Mittelmeerraum kam, war mein Vater der, der die Rittersagen und Vikinger in petto hatte. Darüber hinaus versorgte mich meine Oma mit Volksliedern und dem, was man so als 3-4jährige ‚Hausfrau‘ brauchte, wenn ich malwieder nach dem warum und wie fragte was die Küche anging. Man könnte also sagen, das sei eine fließende, friedliche Entwicklung gewesen, die niemand behindert hat. Und dafür kann ich wirklich dankbar sein.

 

Wie:

Und wie lebt’s sich so als Heide? Ist man da den ganzen Tag damit beschäftigt, aus Vogeleingeweiden die Zukunft zu lesen? Sind lange Röcke und Fledermausärmel Pflicht und Uniform und ist Fleisch verboten? Stehst du morgens auf und gröhlst „Odin!“ in den Hinterhof?

Das kommt drauf an, wie groß der persönliche Dachschaden ist respektive wie sehr man sich selbst an die Gesellschaft anpassen möchte und ob einen das, was die anderen denken, interessiert. Ich war schon relativ früh davon abgekommen, irgendeiner Art von Society gefallen zu wollen, einerseits weil ich in keinen Gruppenzwang eingebunden war, andererseits weil ich es doof fand und finde, irgendetwas zu tun oder zu lassen nur weil man diese Art von Blicken ernten könnte.

Also eigentlich steht man morgens auf, frühstückt, geht zur Schule oder arbeit, kommt wieder, macht den Haushalt und geht schlafen. Zwischendurch liebt man seinen Liebsten, gibt und empfängt Ratschläge, telefoniert, erzählt Blödsinn, übt Instrumente, hört Musik, schreibt in den Blog, stöbert bei Ebay, geht in den Park, liest irgendeine Mittelalter-/Landkitsch-/Computerzeitung oder ein Buch oder einen Blog und eigentlich ² macht man genau das gleiche, was andere Leute auch tun. Dass ich vielleicht mehr oder abwechslungsreichere Hobbies habe hat erstmal mit Heidentum an sich nicht viel zu tun sondern eher damit, dass ich gerne handwerklich herumprobiere und dass mir Musik liegt. Den Leuten fehlt im Computerzeitalter häufig etwas nicht-digitales, was sie schaffen können, eine Figur, die sie schnitzen können, ein Bild, das sie malen können oder ein Kleid, das sie schneidern können, weil den Pixeln im Internet die Greifbarkeit fehlt.

Und ja, als Heide, bzw. als germanische Heidin a.k.a. Asatruar beschäftigt man sich auch mit dem nicht-digitalen Nicht-Greifbaren. Wo käme man hin, wenn man von sich behauptet, Asatruar zu sein, allerdings bloß Pflanzen auf dem Balkon hat, alles hübsch dekoriert und dann nicht zu Göttern betet – eben. Dann mag man eben das Ambiente, was auch völlig in Ordnung sein kann, aber mit angewandter Religion hat das dann nichts zu tun. Zu beschreiben, wie bei mir religiöse Praxis aussieht, bereitet mir immer Zahnschmerzen, weil das doch ziemlich privat ist. Aber ohne zuviel zu sagen: Es befindet sich eine Opferschale auf unserem Balkon, darüber ein Odinbildnis, wir feiern hier Sonnenwenden und wenn ich mir ein Gewitter wünsche dann bitte ich darum (…was klappen kann. 😛 ).

Meine Klamottenwahl ist allerdings etwas extravagant. Gut, Heidentum bietet dafür ja auch ein recht großes Repertoire an, aus dem man sich bedienen kann, allerdings bereitet es mir auch persönlich Freude, manchmal wie ein verlorenes Mitglied der Kelly Family auszusehen um danach wieder die Tussiklamotte auszugraben. Es gibt Vertreter der Zunft, die ausschließlich organische Bio-Jute-Sachen anziehen, andere möchten am liebsten den ganzen Tag in historischen Kostümen flanieren, wieder andere tendieren in richtung Gothic/Grufti/Schwarze-Cargohose+schwarzes T-Shirt, und noch andere laufen rum als seien sie eben erst aus einem Online-Rollenspiel geflohen, inklusive Elfenohren. Sich zu kostümieren macht mir nur zu Anlässen Spaß. Dann dürfen dass auch mal bunte Strähnen und Federn im Haar sein. Aber jeden Tag total aufgebrezelt herumzulaufen machen sonst auch nur mir suspekte Gestalten, egal womit die sich nun aufhübschen.

Für mich gibt es ein paar gute Gründe, verschiedene Produkte so zu konsumieren, wie ich das tue. Ich kaufe Second Hand und benutze Naturkosmetik weil mir das sinnvoll erscheint. Wer sich mal die Kleiderberge angesehen hat, die in Form von Spenden Afrika überfluten und die dortigen Schneider in die Armut treiben und wer sich Chemiecocktails von herkömmlichen Herstellern ins Gesicht geschmiert hat und danach aussah wie eine Landkarte, der wird das vielleicht nachvollziehen können. (Selbst)Reflexion ist etwas, das zumindest in meinen heidnischen Kreisen gerne gepflegt wird, weil man einen gewissen Ahnenkult pflegt. Und wir wollen ja schließlich auch mal die Ahnen von jemandem werden und nicht die letzte Generation einer aussterbenden Spezies sein, die sich zwar glücklich grinsend im integrierten Spiegel ihres iPhones die Lippen nachziehen kann, aber keine Kinder mehr bekommt weil der Genmais und der uranangereicherte Lidschatten ihr Übriges getan haben.

Den Konsum einzuschränken gehört also zu dieser Selbstreflexion, deshalb sind viele auch Vegetarier, weil sie die Haltungsbedingungen der Tiere im Kopf nicht aushalten und weil sie der Meinung sind, dass Tiere nicht so strunzdumm sind, wie Wissenschaftler das zu vermuten bereit sind.  Aber Vegetarismus/Veganismus ist kein Muss, auch wenn ich da hintendiere und wir „Wenn schon Fleisch, dann aber“ essen. Jeden Tag sowieso schonmal nicht und 3 Kilo Hack für 10 Cent auch nicht. Erstens wollen wir nicht krank werden, zweitens wollen wir wenn wir was essen auch dass es vernünftig schmeckt und drittens ist Fleisch für mich eine große Sache. Wenn ich das zu essen bekomme dann nur in vernünftiger Form, nicht in Form von billigen Resten die der Tatsache, dass dafür ein Lebewesen gestorben ist, nicht gerecht werden.  Diese Denke hat dazu geführt dass ich wenn ich schon tierische Produkte nutze, ich auch besonders gut darauf aufpasse und sie pflege und nicht stumpf wegkonsumiere was da ist. Sehe ich bei Holz genauso. Und bei Gemüse. Sogar bei unvermeidlichem Plastik. In meinem Schrank stehen eine Menge Gläser mit Deckeln, in die immer mal wieder selbstgemachte Marmelade wandert. Oder eine Creme. Oder getrocknete Kräuter.

Das sind alles Dinge, die mich in meinem täglichen Handeln beeinflussen und die mehr oder weniger mit meinem heidnischen Verständnis von der Welt zusammenhängen. Dabei darf man beispielsweise Christentum nicht als Gegenteil von Heidentum verstehen, denn auch Christen oder auch Atheisten tun Dinge für die Umwelt. Bei Heiden gibt es eben die Querverbindung zu den Ahnen und den Göttern. Und das ist durchaus ok so.

 

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