Die fütternde Hand…

Liebes  RTL,

ich kann euch völlig verstehen. Diese ganze ungewaschenen Computernerds die bei Mama im umgebauten Keller wohnen, nie rausgehen, mit Ende 20 noch ungeküsst, und eigentlich steht ja auch fast bewiesen aber aus Scham nicht angesprochen im Raum, dass die sich alle zu Lara Croft einen runterholen. Diese Computernerds, Gamer, sind sozial völlig inkompetent, an der Grenze zur Debilität, kriegen von Mama morgens die Klamotten rausgelegt. Sie haben nur Nerdfreunde, weil die coolen Jungs sie entweder ignorieren oder piesaken und so richtig was anderes außer in finsteren Serverräumen zu sitzen können die ja auch nicht arbeiten. Es gibt sie in zwei Ausführungen: völlig abgemagert und viel zu dick. Als sei bei der einen Hälfte eine Hungersnot ausgebrochen und die andere Schuld daran. Kein Wunder, die grasen ja auch den ganzen Tag nur Pizza. Wenn sie einmal nicht beim Bringdienst bestellen ruft der von selbst an und fragt nach dem Befinden.

Gamer, das sind die Kinder von einst, die auch ohne PC die totalen Außenseiter geworden wären. Der schüchterne Junge mit der Nickelbrille, der Zuhause am liebsten Käfer unter dem Mikroskop besieht. Gamer sprechen eine komische Sprache die sie von anderen abgrenzt, mit Vokabeln wie „imba“, „rofl“ und irgendwelchen Grunz- und Knarzlauten.

— schnipp —

Ausgehend von euerm Bericht kann man dieses da als allgemeines Bild über sog. Gamer als eure Meinung ansehen. Fein!

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin keine sog. Gamerin. Ich habe Counterstrike und Halo und all das noch nicht einmal aus der Nähe gesehen.

Ihr zeichnet da ein Bild von sehr erbärmlichen Lebewesen, die ohne Muttis ständige Ermahnung endgültig in die Ego-Shooter-Amok-Welt abdriften würden. Und gleichzeitig haltet ihr dem Zuschauer diese Frau vor, die sich bereits an anderen Stellen als mindestens unaufmerksam, wenn nicht sogar etwas retardiert geoutet hat. Das tut ihr mit dem Tenor, dass das die wahre, bessere, coole Alternative ist. Das eigentliche, was man anstreben sollte. (Welche möchte, kann sich hier einen Aufreger über Frauenfeindlichkeit, Unterdrückung, Patriachat, Machtstrukturen etc. vorstellen.)

Ein Spaziergang durch euer Programm:

Bauer sucht Frau, wo sozial besonders inkompetente Männer vom Lande mit tumben Frauen zusammengebracht werden und man beobachten kann, wie sie sich in sozialen Situationen winden, die sie nicht gewohnt sind.

Mitten im Leben, wo wahlweise Eltern, Kinder oder Jugendliche im Dreck, „Drogensumpf“ (Marihuana. Sic!) oder anderen Variablen leben, gern adipös, gern laut, faul und möglichst die gesamte Laster-Liste erfüllend.

DSDS, wo ein paar wenige Vorzeigegesichter einer breiten Masse an retardiert muhenden Pilgern gegenübersteht, die jedes Jahr kommt um jedes Jahr ihr Glück zu probieren. Besonders talentierte (im englischen gerne als special bezeichnet) werden nochmal ausführlich im Fernsehen gedemütigt vorgestellt. Die Leute gehen dort hin, bieten der Jury ihre Arbeitskraft (Gesang, Aussehen, repräsentierter Charakter) an, die widerum auswählt und sich dabei so verhält, dass Elagabal Bauklötze gestaunt hätte. Kurz gesagt die Jury bekommt ein unentgeltliches Angebot von (mehr oder weniger) Künstlern und ihr fällt nichts weiter ein als sie zu beschimpfen.

Exclusiv das Starmagazin – Zurschaustellung und Begutachtung von Paparazziartikeln, die den Blick von der Realität in den Ausschnitt von Rihanna, Madonna und Lady Gaga lenken sollen. Tits and Ass. Prägung eines falschen und gefährlichen Idealbilds für Jugendliche.

Explosiv – Kuriositätenkabinett mit Knopf für Tränendrüsenaktionen oder um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, sich besser zu fühlen als die da im Fernsehen. Quote durch Titte, die grade live operiert wird. Sex sells. Ekel auch.

Diese Gamer, von denen ihr sprecht, sind euch also ein Graus, etwas woran ihr euch stoßt, etwas, was man als normaler Zuschauer belächeln kann. Damit man endlich was hat, was unter einem selbst in der Nahrungskette steht.

Explosiv:

Ein magersüchtiges 22jähriges Mädchen von 35kg sitzt mit einer Frau aus der Prominentschaft in einer Sushibar und täuscht zeigt ihren weg zur Besserung vor. Sie hat eine Beziehung mit Richard Lugner (Jahrgang 1932) und die Frau ihr gegenüber, ihre PR-Beraterin beste Freundin, ist die Ex-Frau von Herrn Lugner.

Mitten im Leben

Nicht mitten in meinem. In euerm? Oder in dem eurer Zuschauer?

Diese Leute tun eine Sache unermüdlich. Sie schaufeln Geld in eure Kasse, indem ihr sie für die Programmgestaltung nutzt. Ihr stellt sie im Kathodenkäfig Fernsehen aus, zeigt mit dem Finger darauf und etikettiert das mit „Reality TV“ und „Doku Soap“. Realität ist an diesen durchchoreografierten Zirkusvorstellungen lediglich die Materie. Die Handlung ist völlig fiktiv. Und trotzdem bleibt der beigeschmack, dass es doch so sein könnte. Irgendwo. Bei den Gamern und Nerds vielleicht?

Früher, in den 90ern, waren es die Talkshows. Wo sich die Gäste gegenseitig farbenfrohe Namen gegeben haben und bereitwillig ihre Klischees für 300 DM erfüllt haben. Anreise nicht inklusive. Diese Doku Soaps sind bloß der Elativ.

Ihr verkauft uns die Randgestalten der Gesellschaft schon seit Jahrzehnten als moderne Freakshow, ohne Zelt. Sie nähren euch und euern Sender, bringen immer neues Material. Ohne sie wärd ihr im Keller eurer Mütter, genau an der Stelle, an der ihr die Nerds wähnt. Und wären alle cool und smart und niemandem würden die Nippel aus dem Hemd rutschen wärd ihr einfach pleite.

Und bitte gebt Laura ein Buch. Irgendeins. Am besten von Alice Schwarzer.

Addendum:

Der für den obigen Beitrag verantwortliche Regisseur, Tim Kickbusch, hat sich natürlich auch zu den heftigen Reaktionen geäußert, die nach dem Beitrag erfolgten:

Die Reaktionen der Daddler bestärken mich allerdings eher in der Vermutung, dass zuviel Computerspielen keinen förderlichen Effekt auf Sprachverständnis u.ä. hat.

und

Ich glaube, die ganzen Daddel-Freaks bei der Gamescom sind direkt aus Wacken hierher gereist. Die sehen so aus. Und riechen so

und

Du, nachdem was die Freaks mir so schreiben, glaube ich, man hätte die in ihrer Mehrzahl noch härter angehen müssen. Viele kranke Hirne unterwegs…

Dass er sich nun entschuldigt, weil er nicht ahnen konnte dass die Freaks sich nicht gerne so nennen lassen, liegt sicher nicht an RTL oder seinem Chef sondern vielmehr daran, dass er aus dieser Erfahrung die Einsicht genommen hat, dass alle Menschen gleichwertig sind, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihres Aussehens.

Epilog

Als hätte RTL auf einen Knopf gedrückt der die Gamer-Gemeinde zum muhen bringt. RTL hat eine kleine kontrollierte Sprengung vorgenommen, die dafür gesorgt hat, dass der Sender im Gespräch ist und bleibt. Alles nach Plan. Alles unter Kontrolle?

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